Leben

Vorhang auf: Die HafenCity als Bühne für Kultur

Kunst- sowie Kulturschaffende erschließen sich die HafenCity und werden dabei vielfältig unterstützt. An prägnanten Orten der HafenCity entstehen Institutionen mit internationaler Strahlkraft

Das Foto zeigt einen Musiker auf einer Bühne am Magdeburger Hafen

Die vielfältigen Stadträume der HafenCity wurden auch für kulturelle Veranstaltungen konzipiert (© ELBE&FLUT) Bilderserie starten

Michael Batz ist mit seinem „Hamburger Jedermann“ eine der ganz wenigen Ausnahmen: Als kultureller Pionier führt er schon seit 1994 in jedem Sommer seine Fassung des Hugo-von-Hofmannsthal-Stücks in der Speicherstadt auf. Ansonsten war das gesamte Gebiet südlich des Zollkanals bis weit ins neue Jahrtausend ein großer weißer Fleck auf Hamburgs künstlerisch-kultureller Landkarte. Erst 2003, mit der Aufhebung des Freizonenstatus, verlor das ausschließlich Hafennutzung erlaubende Hafenentwicklungsgesetz hier seine Gültigkeit. Kunst und Kultur haben daran anschließend zwar nur allmählich ihren Ort in der HafenCity finden können.

Dennoch spielen kulturelle sowie künstlerische Nutzungen von Anfang an eine sehr wichtige Rolle als Impulsgeber im gesamten Entwicklungsprozess des neuen Stadtteils. Die vielfältigen öffentlichen Räume der HafenCity werden regelmäßig zunächst als temporäre, nicht endgültig fertig gestellte Flächen gebaut – und bieten damit als gestaltete Möglichkeitsräume die Grundlage für erste zeitlich begrenzte Einzel-Kulturnutzungen, für Unterhaltsames, Nachdenkliches oder auch Provokantes. Der darauf folgende  zunächst temporäre Nachzug von etablierten Akteuren der Kunst- und Kulturwirtschaft führt zu Übergangsprozessen, die schließlich in eine Verstetigung des Angebots münden. So entstehen neben großen institutionellen Kultureinrichtungen wie der Elbphilharmonie und dem Internationalen Maritimen Museum Hamburg viele neue Schauplätze für Kunst und Kultur in ehemaliger Hafenumgebung – und am südlichen Ufer des Oberhafens sogar ein gesamtes und dauerhaftes Kultur- und Kreativquartier. 

Parallel dazu ziehen zunehmend spezifische kulturelle Nutzungen in die durchweg öffentlichen Erdgeschosse der Gebäude in der HafenCity. Mit derzeit 17 Galerien, deren Angebot von klassischer Malerei über afrikanische Skulpturen bis hin zu zeitgenössischer Kunst reicht, hat sich die HafenCity so zu einem bedeutenden Kunsthandelsort entwickelt. Darüber hinaus entstehen in den nächsten Jahren mit dem KinderKulturHaus und den Märchenwelten am Strandkai sowie den kulturellen Erdgeschossnutzungen im Gruner & Jahr-Neubau alleine weit über 5.000 m2 an weiteren Kulturflächen.

Kulturszene mit zahlreichen Akteuren

Im Laufe der Zeit sind im Zuge des eingangs erwähnten kulturellen Entwicklungsprozesses immer wieder besondere Kooperationen und Organisationsstrukturen mit HafenCity-Bezug entstanden. Neben Initiativen wie der „Musikalischen LandArt“ war dabei die Kooperation von Hamburgischer Kulturstiftung, Körber-Stiftung und HafenCity Hamburg GmbH mit ihrer Auslobung eines ersten Künstlerwettbewerbs 2004/2005 eine wichtige Etappe der kulturellen Entwicklung des Gebiets. Seither folgten viele kleinere Ausstellungen und regelmäßige Musikveranstaltungen etwa im Meßmer Momentum oder in der Lobby des Hotels 25hours, aber auch große Inszenierungen, wie die Sommerprogramme in der Zeltbühne des Thalia Theaters, die ebenso wie das HafenCity Open Air des NDR Elbphilharmonie Orchesters ein großes Publikum auf dem Baakenhöft begeisterten. Gleichzeitig förderte die Kooperation „Kunst und Kultur in der HafenCity“ erfolgreich neue Projekte: Zusammen mit drei großen Akteuren der Hamburger Kulturszene (Kulturfabrik Kampnagel, Hamburger Kunstverein und Deichtorhallen) wurden ab 2011 mehrere Kunstprojekte initiiert, die den Diskurs über die Möglichkeiten des Zusammenlebens der neu zu konstituierenden Stadtöffentlichkeit in der HafenCity thematisierten.

Durch den Koordinierungskreis Kultur HafenCity werden die zahlreichen Akteure und Aktionen gebündelt. Im Mai 2005 hatte die Kulturbehörde dieses Expertenforum auf Wunsch der HafenCity Hamburg GmbH einberufen, dessen Vertreter regelmäßig zusammenkommen, um die kulturelle Entwicklung der HafenCity voranzutreiben. Das Gremium erörtert und begleitet die Entwicklung, entwickelt aber auch Ideen und Konzepte und übernimmt so eine wichtige Rolle in der Diversifizierung des kulturellen Angebots in der HafenCity. Seit September 2017 hat der Koordinierungskreis für zunächst zwei Jahre einen regelmäßigen Gast: die neue HafenCity-Kuratorin Ellen Blumenstein. Aufgabe der von einer spartenübergreifenden Jury ausgewählten renommierten Kunst- und Kulturschaffenden ist es, die soziale, nachhaltigkeitsbezogene und ökonomische strategische Zielsetzungen der HafenCity-Entwicklung künstlerisch dramaturgisch zu transportieren und zu kommunizieren und dabei sowohl bestehende als auch neue Räume zu prägen und zu integrieren.

Bunte Programme für ein
abwechslungsreiches Publikum

War Michael Batz mit seinem „Jedermann“ noch ein erster kultureller Wegebner, ist die HafenCity inzwischen ein sehr beliebter und häufig schon fest etablierter Ort für Veranstaltungen nahezu jeder Größenordnung, die sich von spontanen kleinen Street-Performances bis hin zum großen Event erstrecken.  Ein immer bunter werdendes Publikum findet in der HafenCity ein mittlerweile sehr breites und zunehmend dauerhaftes Angebot vor. Allein das Harbour Front Festival, die größte Literaturveranstaltung Norddeutschlands, lockt regelmäßig zahlreiche Autoren und Besucher aus aller Welt nach Hamburg und in die HafenCity. Hinzu kommen zahlreiche Veranstaltungen wie die Lange Nacht der Museen, der Hamburger Architektur Sommer, das Elbjazz-Festival oder zuletzt mit dem Theater der Welt Deutschlands wichtigstes internationales Theaterfestival, das im Sommer 2017 mit seinem Festivalzentrum auf dem Baakenhöft gastierte. Dauerbrenner sind auch die alljährlichen Veranstaltungen des „Sommers in der HafenCity“ mit Tanz und Poetry Slam unter freiem Himmel, Lesungen in abendlicher Hafenatmosphäre und rege besuchte Kinderbaustellen genauso wie die stets hochkarätig besetzte Diskussionsreihe der Körber-Stiftung im gleichnamigen Forum auf der Kehrwiederspitze sowie die regelmäßigen Lectures der HCU und der KLU. 

So feinkörnig durchmischt wie die Nutzungen in den einzelnen Gebäuden ist auch das kulturelle Angebot in der HafenCity. Es umfasst Mainstream-Afterwork-Veranstaltungen wie die Sunset Lounge vor Unilever im Sommer  genauso, wie den entspannten Nachbarschafts-Club 20457 an der Osakaallee oder das selbsternannte „soziokulturelle Veranstaltungsschiff“ MS Stubnitz am Kirchenpauerkai. Bis mindestens 2026 findet auf dem ehemaligen DDR-Kühlschiff pakistanischer Jazz ebenso seine Nische wie Hardcore-Electro.

Neue Impulse für die Keativwirtschaft

Apropos Nische: Aus ihr heraus entwickelt sich das Quartier Oberhafen zunehmend zu einem zentralen und hochgradig urbanen kreativen Impulsgeber Oberhafen. Schon seit gut zehn Jahren finden hier unterschiedlichste Kreativnutzungen sowie kleinere und größere kulturelle Veranstaltungen statt. Vorwiegend temporäre Festivals und Performance-Nutzungen sowie einige wenige Bestandsmieter hievten den Ort erstmals auf die kreativwirtschaftliche Landkarte, als es hier noch überwiegend Bahnnutzung gab. Seit diese Geschichte ist, entwickelt sich das Oberhafenquartier durch eine spannende Mischung unterschiedlichster Dauernutzungen endgültig zum hervorragend vernetzten Kreativ- und Kulturstandort. Treiber dieser von der HafenCity Hamburg GmbH gemeinsam mit der Hamburg Kreativ Gesellschaft initiierten und begleiteten Entwicklung sind die lässige Jazz- und Klassiklocation Halle 424 genauso, wie der urbane Subkultur-Tanztempel Moloch oder Mieter wie die Ideenschmiede „Die Brueder“, das Drohnen-Start-up Spice VR, die coworking-Werkstatt bauer + planer – und nicht zuletzt die Hanseatische Materialverwaltung.

Neben dem Quartier Oberhafen rückt auch das Elbtorquartier zunehmend auf die kreativ-kulturelle Landkarte. Nach iF Design im Jahr 2013 eröffnete im Juli 2014 mit dem Hamburger Design-Netzwerk designxport ein weiterer wichtiger Kreativakteur seinen Standort in der HafenCity. Sukzessive entsteht damit am Magdeburger Hafen ein Schaufenster für die lokale, regionale, aber auch internationale Designbranche, in dessen unmittelbarer Nähe entlang der Hongkongstraße sich zunehmend Agenturen und Start-ups ansiedeln.

Museen zwischen gestern und heute

Eine besondere Prägung erhielt die Hafen-City im Sommer 2008 durch die Eröffnung des Internationalen Maritimen Museums im alten, 1879 erstmals fertiggestellten Kaispeicher B (Architekten: Wilhelm Emil Meerwein, Bernhard Hanssen), dem ältesten Speichergebäude in der HafenCity und der Speicherstadt. Seit Mitte 2005 wurde der Speicher im Elbtorquartier unter Federführung von Architektin Mirjana Markovic aufwendig saniert und zum Museum umgebaut, wobei die charakteristische Architektur des denkmalgeschützten Speichergebäudes unangetastet blieb. Die zehn Decks des Museums zeigen auf 11.500 m2 Nutzfläche eine Ausstellung der privaten maritimen Sammlung des 2016 verstorbenen Gründers Peter Tamm. Auch das Institut für Schifffahrts- und Marinegeschichte sowie eine Bibliothek mit Archiv sind hier und im Nachbargebäude Heinemann-Speicher untergekommen.

Ungefähr zur gleichen Zeit zog auch das erfolgreiche Automuseum Prototyp in die HafenCity. Die Dauerausstellung in dem denkmalgeschützten ehemaligen Firmengebäude der Harburger Gummi-Kamm-Compagnie an der Shanghaiallee basiert ebenfalls auf der privaten Sammlung der Museumsgründer und umfasst seltene Automobilikonen, darunter den legendären Porsche Typ 64 sowie originale Rennwagen von Sebastian Vettel und Michael Schumacher. 

In unmittelbarer Nähe der historischen Speicherstadt befinden sich zudem weitere kreative und kulturelle Nutzungen, und mehrere Museen erzählen von der Vergangenheit des UNESCO-Weltkulturerbes. 

Elbphilharmonie

Ein international herausragendes architektonisches wie kulturelles Wahrzeichen hat die HafenCity mit der Elbphilharmonie erhalten. Die „Neue Zürcher Zeitung“ pries einen einzigartig gelungenen Jahrhundertbau, der stets neue Hochgefühl wecke. Dieser war als Kaispeicher A zunächst nach Plänen des Architekten Werner Kallmorgen von 1963 bis 1966 als Kakaospeicher gebaut worden. Auf diesem Gebäude wurde nach Entwurf der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron ein spektakuläres Konzerthaus errichtet. Während Kubatur und Fassade des Speichers erhalten blieben, entstand ein weltweit einmaliger architektonischer Hybrid aus Konzerthaus, Hotel mit 244 Zimmern, 44 Wohnungen und einem Parkhaus mit rund 500 Stellplätzen. Den ehemaligen Speicher krönt eine wellenförmig geschwungene, bis zu 110 m hohe Glaskonstruktion. Auf diese Weise verbinden sich historische Hafenarchitektur und zeitgenössische Baukunst mit Hafentradition und der neuen Identität des Stadtteils. Zwischen Bestandsgebäude und neuer Wellenkrone ist als Schnittstelle zwischen öffentlichem Stadtraum und den weiteren Nutzungen eine frei zugängliche Plaza in 37 m Höhe entstanden, mit fantastischem Ausblick auf den Hafen, die HafenCity, die Elbe und die weitere Stadt. 

Das entkernte Speichergebäude wird als Parkhaus sowie als Backstage-Bereich und als Raum für umfassende musikpädagogische Angebote genutzt. Der gläserne Neubau bietet zwei Konzertsäle für 2.150 und für 550 Besucher. Schon die Eröffnung am 11. Januar 2017 mit zwei festlichen Eröffnungskonzerten des NDR Elbphilharmonie Orchesters, die in ein stilistisch sehr abwechslungsreiches dreiwöchiges Festival mündete, untermauerte den Anspruch der Erbauer, „ein offenes Haus für alle“ erschaffen zu haben. Lange Ticketschlangen, ausverkaufte Konzerte innerhalb von Minuten und eine öffentliche Plaza, die statt der prognostizierten 1,7 Millionen Besucher pro Jahr aktuell mehr als doppelt so viele Gäste verzeichnet, zeigen, dass die Elbphilharmonie diesem Anspruch gerecht zu werden scheint.

Erstrangiger Kulturort HafenCity

Obwohl zunächst gar nicht in dieser Form geplant, ist die HafenCity somit durch ein breites Engagement zu einem Kulturort erstrangiger Qualität geworden. Kultur konzentriert sich hier nicht nur auf einen Ort oder eine einzelne Repräsentationsform. Jeder Tag, jeder Abend bietet unterschiedlichste kulturelle Möglichkeiten. Die gesamte Bandbreite wird dabei von der MS Stubnitz, der Elbphilharmonie, den Galerien und dem Oberhafen, von den vielen Lesungen, Konzerten und Ausstellungen indes nur unzureichend repräsentiert. Längst wird in der östlichen HafenCity über neue Möglichkeiten nachgedacht: Ideen zu besonderen Theaterformen, Ausstellungen, Künstlerbaugemeinschaften sind nur einige der möglichen Umsetzungsformen. Das Kammerkombinat befindet sich unterdessen schon in der Realisierung – und Kultur allgemein ist, nach durchaus verzögertem Start, mitten in der HafenCity angekommen.