Konzepte

Urbane Mobilität: Die Stadt der vielen kurzen Wege

Ein ebenso komplexes wie leistungsfähiges Verkehrssystem erschließt die HafenCity. Besondere Herausforderungen stellen dabei die hohe Nutzungsintensität und die Insellage des Stadtteils dar; Vorfahrt wird dem nachhaltigen Verkehr eingeräumt

Das Foto zeigt die Straße am Sandtorkai bei Nacht

Für die HafenCity mussten vollkommen neue Verkehrsstrukturen geschaffen werden, Autofahrer erreichen den Stadtteil jetzt von Westen kommend über die Straße Am Sandtorkai (© ELBE&FLUT)

Kaum zehn Minuten Fußweg sind es von der HafenCity zur bestehenden Innenstadt. Trotz dieser Nähe bedarf es aber eines komplexen Verkehrssystems, um den Stadtteil nahtlos in die Hamburger Verkehrsstrukturen zu integrieren. Schließlich halten sich künftig jeden Tag mehr als 100.000 Menschen in der HafenCity auf, das entsprechend hohe Verkehrsaufkommen gilt es zu bewältigen.

Eine besondere Herausforderung stellt die Insellage der HafenCity in der Norderelbe dar. Ihre externe und interne Verbindung und Vernetzung muss über insgesamt 25 sanierte beziehungsweise neue Brücken hergestellt werden. Auch das Straßennetz wurde komplett neu konzipiert. Der Grund: Zwar hatte das frühere Hafenareal auch zuvor schon über eine funktionierende Infrastruktur verfügt, allerdings war diese auf einen ganz anderen Bedarf ausgerichtet. Ursprünglich standen An- und Abtransport der verschifften oder produzierten Waren im Vordergrund, die Erschließungsstraßen verliefen nicht primär in Richtung Innenstadt. Hafen- und Industriebetrieb wurden also bewusst vom innerstädtischen Alltag abgegrenzt. Jetzt hat dagegen die Integration der HafenCity ins innere Stadtgebiet höchste Priorität.

Schon allein durch ihre innerstädtische Lage lädt die HafenCity allerdings dazu ein, immer wieder auf das Auto zu verzichten. Wegen der ebenso differenzierten wie feinkörnigen Mischung von Wohn- und Arbeits- sowie Freizeit- und Kulturnutzungen wird sie außerdem zur Stadt der kurzen Wege, viele Ziele lassen sich auch innerhalb des Stadtteils oder in der naheliegenden heutigen Innenstadt bequem und schnell per Fahrrad oder zu Fuß erreichen.

Fuß- und Fahrradwege fanden daher bei der Verkehrsplanung von Beginn an eine besondere Berücksichtigung. Ihr Wegenetz wurde bereits außergewöhnlich engmaschig angelegt, nun wird es sukzessive nach Fertigstellung oder Bezug der Gebäude weiter ausgebaut: Fußgängern werden im Stadtteil zweieinhalbmal mehr Wegkilometer zur Verfügung stehen als Kraftfahrern. Zwischen den an vielen Stellen frei stehenden Einzelgebäuden sind auch immer wieder öffentliche oder öffentlich zugängliche Durchgänge geboten; Fußgänger haben also oft die Wahl zwischen verschiedenen Wegeoptionen zum selben Ziel.

Streckenweise werden sogar zwei Wege auf verschiedenen Ebenen parallel zueinander geführt. Denn während die Straßen der HafenCity wie die Hochbauten und auch viele Fahrrad- und Fußwege auf hochwassersicheren Warften 7,8 bis 8,5 Meter über Normalnull angelegt wurden, verbleiben Kaipromenaden und teilweise Plätze auf historisch niedrigem Niveau von 4 bis 5,5 Metern über Normalnull. Hier stellen sie besonders attraktive Wegebezüge am Wasser her.

Diese Warftenlösung bietet noch einen weiteren Vorteil: In den Warftsockeln entstehen insgesamt 26.000 Tiefgaragenplätze. So verschwindet fast der gesamte ruhende Verkehr unter die Gebäudeaus dem öffentlichen Stadtbild. Trotz der im Stadtteil erwarteten 90.000 Autofahrten pro Tag wird zumindest der Flächenverbrauch für den ruhenden motorisierten Individualverkehr auf ein Minimum reduziert. Und auch unterwegs  begegnen sich Autofahrer und Fußgänger oder Fahrradfahrer nicht allzu oft. Rund 70 Prozent aller Fuß- und Fahrradwege werden unabhängig vom Autoverkehr geführt, ein hoher Anteil davon direkt am Wasser.

Wesentliche Voraussetzung, um die HafenCity mit ihrer dichten Nutzungsmischung und ihrer hohen Besucherfrequenz nachhaltig zu entwickeln, ist zudem ein effizientes System des ÖPNV. Im Dezember 2012 nahm daher mit der neuen, im Masterplan 2000 nicht vorgesehenen U4 an der Haltestelle Überseequartier ein zentraler Mobilitätsbaustein den regulären Betrieb auf und verbindet die HafenCity seither direkt mit Jungfernstieg und Hauptbahnhof. Im August 2013 folgte die Inbetriebnahme der -Haltestelle HafenCity Universität, zwei Monate zuvor erlebte die Verlängerung der U4 bis zu den Elbbrücken ihren ersten Spatenstich. Der letzte, 1,3 Kilometer lange Streckenabschnitt führt von der Haltestelle HafenCity Universität zur neuen Haltestelle Elbbrücken und bindet ab 2018 die östlichen Quartiere mit ihren über 3.000 Wohnungen und ca. 20.000 Arbeitsplätzen effektiv an.

Im Zuge des Weiterbaus der U4 entsteht an den Elbbrücken seit April 2015 nicht nur eine neue oberirdische U-Bahnhaltestelle nach Plänen des Hamburger Büros von Gerkan, Marg und Partner (gmp). Gleichzeitig errichtet die Deutsche Bahn AG eine neue S-Bahnstation Elbbrücken. Der Bahnhof wird ab 2018 die östliche HafenCity sowie Teile des nordwestlich gelegenen Stadtteils Rothenburgsort erschließen und gleichzeitig eine bessere Verknüpfung mit dem HVV-Netz bieten. Das gesamte Bauvorhaben S-Bahnstation Elbbrücken umfasst neben dem Zugangsgebäude u. a. auch eine 70 m lange und 5 m breite verglaste Fußgängerbrücke zwischen den Bahnhöfen.

Weiterhin gibt es ein dichtes Netz an Busstationen: Der MetroBus 6 fährt bis zur Haltestelle „Auf dem Sande“ in der Speicherstadt, die Hafenrandlinie 111, „Hamburgs günstigste Stadtrundfahrt“, führt vom Fischereihafen in Altona durch die HafenCity zunächst bis an den Baakenhafen. Und auch ein erster Fähranleger wurde nahe der Elbphilharmonie errichtet – zwei weitere sollen an der HafenCity Universität und an den Elbbrücken folgen. Dazu kommen verschiedene Barkassenanleger, u. a. im Magdeburger Hafen und im Baakenhafen.

Planung und Bau der komplexen Infrastrukturmaßnahmen verantwortet (außer auf den privaten Grundstücken) die stadteigene HafenCity Hamburg GmbH als Bauherrin. Finanziert werden diese durch Grundstücksverkäufe im Planungsgebiet. Ausnahme ist die U4, die von der Hamburger Hochbahn AG geplant und realisiert und über den Haushalt der Freien und Hansestadt Hamburg sowie über Zuschüsse aus Bundesmitteln finanziert wird. Während die Weiterführung wiederum vom Sondervermögen Stadt und Hafen getragen wird, erfolgen die Finanzierung der externen Anbindung der HafenCity, der geplante Umbau des Deichtorplatzes sowie der Bau von Brücken zwischen der HafenCity und anderen Stadtquartieren überwiegend aus dem Hamburger Haushalt.

Das Verkehrssystem wächst also gemeinsam mit dem Stadtteil weiter, vorwiegend Richtung Osten und Süden werden jetzt neue Projekte auf den Weg gebracht. Eine weitere Brücke verknüpft etwa die Versmannstraße über das Großmarktareal mit der Amsinckstraße und wird so die HafenCity erheblich von Durchgangspunkten entlasten. Und ein neuer Tunnel soll eine Verbindung zwischen dem durch Gleise abgetrennten Oberhafenquartier und dem Quartier Am Lohsepark schaffen. Dieser mündet dann direkt in den Nordost-Ausgang der U-Bahn-Station HafenCity Universität und bietet so einen unmittelbaren Zugang zur U4 und schafft zugleich die Nähe zum Lohsepark.